Pilgern an der Weser

Pilgern

Ich war unterwegs … auf dem Pilgerweg Loccum – Volkenroda von Bodenwerder nach Stadthagen mitten durch’s Weserbergland. Sowohl Weser als auch Bergland gab’s satt …

Bodenwerder ist die Münchhausen-Stadt. Man sieht es an den Skulpturen, die überall aufgestellt sind, es gibt ein Museum für den Lügenbaron, und er liegt in der Kirche hier begraben. Ansonsten hat es nette Fachwerkhäuser und eine Weserpromenade. Die gibt schon mal die Marschrichtung vor für den heutigen Tag: immer an der Weser entlang. Schlauer wäre gewesen, an einem der heißesten Tage des Jahres die Alternativroute durch den Wald zu nehmen, aber hierfür habe ich keinen gpx-Track – daher ist mir das Verlauf-Risiko zu groß.

Die Route am Fluss entlang ist der Weserradweg. Ein Radweg ist ein Radweg. Für Räder erdacht, von Rädern befahren. Ich als Pilgerin habe mal wieder Exklusivstatus, frage mich nach dem Sinn des ganzen Unternehmens. Andererseits: Nachdem der permanente Panoramablick auf und über die Weser sich ein wenig abgenutzt hat, die Radfahrer eben Radfahrer sind, und die Sonne eben brennt, kehren sich die Sinne nach innen; der geteerte Pfad wird tatsächlich zum Pilgerweg.

An Abwechslung gibt es nicht viel – um die Orte zu besuchen, müsste ich die Weser queren – angesichts von über 30 Grad im Schatten scheue ich aber jeden zusätzlichen Meter. So lasse ich die Kirche von Hehlen links liegen, Grohnde, dessen AKW mich lange begleitet, und auch Emmerthal. Einzig in der Dorfkirche von Hajen kehre ich ein – hier wie auch überall sonst am Weg – steht dankenswerterweise Mineralwasser bereit.

Die anstrengende Wegstrecke wird mehr als wettgemacht, als ich in Hameln ankomme. Hier ist die Weserrenaissance tatsächlich richtig zu Hause – die Altstadt ist malerisch. Und es gibt ihn wirklich – ich sehe ihn! Er schreitet vor mir her und spielt eine Weise auf seiner Flöte; ein Trupp von Asiaten hinter sich her lotsend. Er führt mich direkt zu meinem Etappenziel, der Rattenfänger von Hameln, zur Münsterkirche.

Eine Turmbesteigung des Münsters gehört zum Pflichtprogramm; Panoramablick garantiert! Doch nicht nur auf die Kirche steige ich; ich nächtige auch neben ihr, im Münsterhaus. Dort wohnt normalerweise die Pfarrerin, aber die ist just verreist. Darum teile ich mir das Domizil und den Pfarrgarten nur mit einer liebesbedürftigen Katze. Der Küster ist sofort zur Stelle, um mir alles zu zeigen.

Sowieso ist hier alles top organisiert – man könnte meinen, hier in Niedersachsen hätten sie das Pilgern erfunden. Schon im vorhinein konnte ich über einen Navigator im Internet Unterkünfte, Einkehrmöglichkeiten, Kirchenführungen und sonstige Angebote der Gemeinden einsehen. Und der Weg weist durchgängig „echte“ Pilgerherbergen auf: Basic zwar, aber alles da und günstig.

Am nächsten Tag geht’s erst mal lustig Radweg weiter, aber schon nach ein paar Kilometern komme ich in Stift Fischbeck an; das entschädigt. Ich erwische die Stiftsdamen, die auch heute noch in der Tradition der Augustinerchorfrauen leben, bei der Andacht und lasse mich einsaugen von der beeindruckenden Atmosphäre dieser wunderschönen Kirche.

Nach Fischbeck ist es erst mal vorbei mit der Weser. In Hessisch Oldendorf kann man noch mal nett einkehren, Energiereserven auffüllen und sich wappnen für den weiteren, weiten Weg nach Kathrinhagen, dem heutigen Etappenziel. Denn dann wird’s ländlich. Die Orte, die ich passiere, warten nur mit Wohnhäusern und einer Kirche auf. Außerdem geht’s steil bergauf. Im Wald zwar, aber die Höhenmeter machen in der Gluthitze trotzdem zu schaffen. Auch der Abstieg nach Rannenberg ist nicht besser. Aber dann ist es nicht mehr weit bis nach Rehren. Der Ort, den ich nur aus Verkehrsnachrichten kenne – hier ist öfter mal Stau – ist recht klein und beschaulich, bietet aber zum Glück eine Einkaufsmöglichkeit. Denn dort, wo ich heute übernachte, ist nix, ich muss mich also mit Proviant versorgen. Auch geistige Nahrung gibt’s, in der Kapelle von Rehren. Hier werde ich zur stolzen Besitzerin einer Pilgersocke.

Ich übernachte im Gemeindehaus in Kathrinhagen – nebendran eine Bett und Bike-Pension – 3 Sterne. Ich fühle mich auch gut aufgehoben mit Bett und Kaffeemaschine. Nur das Frühstück am nächsten Morgen fehlt. Ich muss haushalten mit meinem Proviant, denn es geht jetzt tatsächlich hoch hinaus, auf den Bückeberg. Hier haben sich lange, lange Zeit vor mir auch schon die Dinos rumgetrieben. Dies ist belegt anhand einer Gesteinsplatte, auf der die Abdrücke heute für jedermann zu besichtigen und anzufassen sind. Ein praktischer Vergleich zeigt schnell, dass die Tiere auf etwas größerem Fuß unterwegs waren als ich …

Eine letzte Lernstation gilt es noch zu absolvieren. Beim historischen Bremsschacht wird die Bergbaugeschichte am Bückeberg aufgefächert. Das war’s dann mit dem Berg. In Wendthagen in der Kirche ein letztes Mineralwasser gekippt, dann auf zum Endspurt nach Stadthagen. Stadthagen hat alles, was eine Stadt haben muss: ein Schloss, einen kleinen Park, einen schönen Marktplatz und Menschen, mit denen man nett plaudern kann. Ein schöner Abschluss dieser Reise.

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