Pilgern auf bayerisch

Pilgern

Ich war unterwegs … auf dem bayerisch-schwäbischen Pilgerweg von Donauwörth bis Augsburg

Los geht’s in Donauwörth, dort, wo Donau und Wörnitz zusammen fließen. Dort gibt’s erst mal ein echt schwäbisches Frühstück mit Butterbrezen und einem Haferl Kaffee. Dann ein wenig Sightseeing – Klosterkirche Heilig Kreuz, die Einkaufsstraße mit einer Menge nett restaurierter Häuser, sowie die alte Invalidenkaserne mit beeindruckenden Holzbalkonen.

Nach dem obligatorischen Stempel in der Touristeninformation geht’s ein Stück weit die Romantische Straße entlang – hier gleichzeitig auch Römischer Weg. Auf den Spuren der Romantik und der Römer läuft man über die Donau immer an der Straße entlang. Sowieso ist der Weg heute sehr Pflaster- und Schotterlastig – außer das letzte Stück zu Kloster Holzen. Auch ist alles recht einsam. Ab und zu überholt mich ein Radfahrer – das ist alles. Dafür ist das Setting um so netter: Ich laufe durch üppige Kornfelder und grüne Wiesen, ab und zu mal ein Bildstock, eine kleine Kapelle, eine üppig ausgestattete Kirche und ein Friedhof mit riesigen Grabsteinen – das ist das Unterhaltungsprogramm.

Doch dann kommt Mertingen. Hier kommt der Joghurt mit dem roten Punkt her; der Werksverkauf liegt an der Durchgangsstraße. Zott war bisher für mich immer nur Joghurt, aber auch die Käseauswahl hier ist äüßerst reichhaltig. Trotzdem entscheide ich mich für einen Trinkjoghurt und Monte-Snacks, um die Energiereserven wieder aufzufüllen. Genießen tue ich das auf einer Bank mit Bildstock und Blick auf Mertingen und leuchtende Kornfelder.

In Druisheim stoße ich auf eine kleine Kapelle, die Kapelle zur Schmerzhaften Muttergottes. Sie ist entstanden aus einer Bildsäule zum Dank als Rettung vor Ertrinken. Ein Müller stiftete sie; später wurde eine Holzkapelle draus, und jetzt eine steinerne. Viele schmerzhafte Muttergottes sollen in der Kapelle zu sehen sein, in Form von Deckenfresko und Medaillons. Die Kapelle ist zu; darum spare ich mir die Besichtigung; scheint aber sehr dramatisch zu sein.

Das letzte Stück nach Holzen entschädigt dann für die langen Pflasterpisten heute. Ein netter kleiner Waldweg führt an dem kleinen Flüsschen Schmutter entlang. Und dann bin ich auch schon im Kloster. Früher eine Benediktinerinnenabtei, ist das Gelände heute ein Ort für die Betreuung behinderter Menschen. Außerdem gibt es noch einen Laden, einen Biergarten und ein Hotel. Daneben eine Naturwerkstatt, natürlich eine Kirche, eine Grotte, einen Streichelzoo und einen Naturlehrpfad. Reichlich Abwechslung also.

Ich nächtige gegenüber vom 4-Sterne-Hotel im Pilgerhaus. Nette Zimmer, weiß gestrichene Doppelstockbetten; Bettwäsche und Kopfkissen mit Knick – Luxus!

Das Frühstück am nächsten Morgen nehme ich im Sterne-Restaurant ein, und es ist auch wirklich hochkarätig. Eine kleine Diskrepanz zu meinem Pilger-Ansatz. Auch komme ich mir ein bisschen seltsam vor zwischen den ganzen Geschäftsmännern in meiner Zip-Hose, meinem Funktionsshirt und meinen Crocs. Andererseits: Jeder hat hier sein Business zu tun, oder? Der eine etwas schicker, der andere etwas mehr basic. Dann geht’s wieder los. Von der Straße aus noch ein letzter Blick auf die Klosteranlage – das war’s erst mal mit dem süßen Leben.

Jetzt wird wieder Pflaster getreten – durch Blankenburg durch, und dann – endlich mal – auch in den Wald. Den gibt’s satt heute. Am Wald entlang, durch den Wald, mal Forstweg, mal Pfad. Man möchte fast von einer Idylle sprechen. Zwischendurch immer mal wieder Bildstöcke, daneben eine Bank, alles nett bepflanzt. Aufhalten soll man sich hier. Pause machen im Angesicht des Herrn. Dabei fühle ich mich immer ein bisschen unwohl. So als müsste ich angesichts seines Leids ein schlechtes Gewissen haben und dürft mein Picknick nicht unbeschwert genießen.

Highlight des Tages ist eindeutig das Schloss Burg Markt, das als eine der romantischsten Burganlagen Schwabens gilt. Der ganze Komplex, der ursprünglich aus der Kirche und mehreren Wirtschaftsgebäuden bestand, wurde ehemals von Jakob Fugger erworben und trägt demzufolge auch die Bezeichnung Fuggerschloss. Heute werden die Gebäude von Privatleuten bewohnt und eine Reitanlage hat dort Unterschlupf gefunden.

Letzte Station für heute ist Biberbach, ein kleines Örtchen, das berühmt ist wegen seinem „Herrgöttle“, das an einem besonders großen Kruzifix in der Kirche von Biberbach hängt.  Ihm werden viele Wunder zugeschrieben, festgehalten in vier Mirakelbüchern.

An das Herrgöttle in der Kirche kommt man nicht so nah ran, da diese vergittert ist, aber dafür ist die Kreuzigungsszene, die vor der Kirche aufgebaut ist, umso beeindruckender. Für mch als Protestantin ja immer ein wenig erschreckend, so eine Darstellung. Sehr dramatisch und sehr bluttriefend das alles. Aber man entkommt ihm nicht. Sogar vom benachbarten Gasthof aus, wo ich heute Nacht unterkomme, hat man vollen Blick auf das Szenario.

Eine Radfahrerunterkunft, wie ich am nächsten Morgen mit Blick in das Gästebuch feststelle. Meistens mit dem Vermerk i. R. . Pilgern ist unter den Rentnern hier an der Romantischen Straße, u. a. ja auch ein Radweg, anscheinend nicht so angesagt. Und es erklärt, warum ich oft das Gefühl habe, ich sei falsch, weil ich statt mit Fahrrad mit Rucksack unterwegs bin. Aber man härtet ab. Irgendwann ignoriert man die neugierigen Blicke der Rad- und Autofahrer und stapft nur noch vorwärts – egal ob Straße, Radweg oder Schotter.

Auf diesen Wegen geht’s dann auch weiter nach Augsburg, meiner letzten Station. Wieder mal habe ich weiten Blick über Wiesen und Felder, und auch die Schmutter treffe ich wieder. Diese Idylle trägt mich dann auch durch den Rest des Weges, denn ab Gablingen kommt  Hardcore-Pilgern. Laufen an belebten Straßen, am Industriegebiet Gersthofen Nord-West vorbei über Brücken und durch Straßenschluchten. Hier kommt man dann doch so ein bisschen ins Grübeln, ob man das Pilgern wirklich so mag. Aber auch das gehört dazu.

Zum Glück geht’s nach Gersthofen ein Stück durch den Park. Der Ort lockt mit der Kirche, in der es statt Pilgerstempel Aufkleber gibt. Auch brüstet sich die Pfarrgemeinde damit, Reliquien des Heiligen Jakobus zu beherbergen, aber anscheinend liegen die nicht in der Kirche. Sonst hat man in Gersthofen nicht viel zu tun – es geht viel mehr raus über den Lechkanal und über den Lech, dann immer geradeaus am Lech entlang. So kommt man direkt nach Augsburg, wo es dann in Richtung Jakobstor geht.

In dem Kirchengebäude der Jakobskirche ist auch die Pilgerherberge untergebracht – eine ehemalige Messnerwohnung mit 6 Betten. Sehr angenehm mit voll ausgestatteter Küche und einem großen, sauberen Bad. Mitten in der Stadt – der Supermarkt quer über die Straße; Sehenswürdigkeiten wie die Fuggerei nur ein paar Minuten entfernt. Dazu noch frische Bettwäsche und Handtücher – eine tolle Unterkunft.

Weiterlesen

Pilgern auf dem Sächsischen Jakobsweg

Pilgern auf dem Sächsischen Jakobsweg

Ich war unterwegs ... auf dem Sächsischen Jakobsweg von Bautzen nach Chemnitz. Eine Strecke, die neben einem Streifzug duchs Sorbenland auch das kulturelle Highlight Dresden sowie einen kleinen Abstecher ins Erzgebirge bereithält. Bautzen ist mehr als Senf. Das lerne...

mehr lesen
Pilgern im Elsass

Pilgern im Elsass

Ich war unterwegs ... im wunderschönen Elsass auf der Strecke von Strasbourg nach Colmar. Ein beeindruckender Pilgerweg, der neben vielen malerischen Fachwerkstädtchen auch reichlich Weinberge und geniale Fernsichten ins Oberrheintal bereithält. Los ging's in...

mehr lesen
Pilgerweg Loccum-Volkenroda

Pilgerweg Loccum-Volkenroda

Ich war unterwegs ... auf dem Pilgerweg Loccum-Volkenroda. In einer Nordschleife über Uslar und Schönhagen, und in einer Südschleife über Lippoldsberg und Bursfelde. Eine schöne Tour mit wunderbaren Ausblicken auf das Weserbergland, mit schönen Kirchen, originellen...

mehr lesen
Pilgern an der Mecklenburger Seenplatte

Pilgern an der Mecklenburger Seenplatte

Ich war unterwegs ... in Mecklenburg-Vorpommern, genauer: an den mecklenburgischen Seen. Dort gibt es seit 2011 einen Pilgerweg, der von Friedland nach Neubrandenburg führt und anschließend in zwei Varianten (östlich oder westlich des Tollensees) zum Ort Mirow. Ein...

mehr lesen
Pilgern auf dem Birgittaweg in Schweden

Pilgern auf dem Birgittaweg in Schweden

Ich war unterwegs ... auf einem möglichen Weg, den die Heilige Birgitta von Schweden auf ihrer Pilgerreise in Richtung Santiago de Compostela genommen haben könnte. Wie so oft ein Weg, der nicht belegt ist, in Schweden aber als "Pilgrimsvägen" gezeichnet. Der...

mehr lesen
Pilgern am Niederrhein

Pilgern am Niederrhein

Ich war unterwegs ... von Kleve nach Xanten am unteren Niederrhein. Eine flache Strecke mit viel Straße, die aber durchaus einige Sehenswürdigkeiten bereithält. Los ging's in Kleve, dessen Charakter geprägt ist von der Schwanenburg oberhalb der Stadt, aber auch von...

mehr lesen

0 Kommentare

Kommentar verfassen