Pilgern auf Sigwards Spuren

Pilgern

Ich war unterwegs … auf dem Sigwardsweg von Idensen nach Petershagen.Wasser, Weser und Störche sind hier das Thema.

Ich zäume das Pferd von hinten auf, beginne an der Grabeskirche von Bischof Sigward, dem Namensgeber des Weges. So nehme ich gleich den Höhepunkt und das eigentliche Ziel der Pilgerreise vorweg. Doch als ich drin stehe, in dieser kleinen Kirche mit den beeindruckenden mittelalterlichen Gewölbemalereien, bin ich froh, dass ich sie gesehen habe. Egal ob ich am Ziel ankomme oder nicht. Eine ganz spezielle Atmosphäre und ein wunderbares Erlebnis, das mich den ganzen Tag hindurch trägt.

Das nächste Highlight ist ganz anderer Art. Als ich an der Kreisstraße entlang durch Bergkirchen trabe, bietet sich mir eine spektakuläre Weitsicht zu beiden Seiten: Rechts auf das Steinhuder Meer am Horizont, und links in Richtung Weserauen. Das Ganze fühlt sich ein bisschen an wie ein Kammweg.

Bad Rehberg pflegte einst eine ausgedehnte Bäderkultur. Das Hannoversche Königshaus brachte das „Madeira des Nordens“ im 18. Jahrhundert als Kurort in Mode. Doch man kurte nicht nur, sondern spazierte auch. In den Rehburger Bergen entstand ein ausgedehntes Wegenetz mit geschwungenen Pfaden, plätschernden Wasserläufen und hochgebirgig anmutenden Gesteinsbrocken, heißt es im Prospekt. Die gibt es heute nicht mehr, nur noch ein paar Plätze mit Stelen drauf. Und das alte Badehaus.

Doch Highlight und Zielpunkt des Tages ist Kloster Loccum. Die nette Dame an der Klosterpforte drückt mir den Schlüssel fürs Pilgerhaus in die Hand. Zum ersten Mal treffe ich einen Mitpilger, einen älteren Herrn, der von hier aus nach Volkenroda in Thüringen laufen will. Allerdings ist er nicht sehr kommunikativ, bleibt auf seinem Zimmer. Auch der Ort Loccum hat nicht viel zu bieten außer Discounter und Imbiss, aber zum Einkaufen und Abendessen reicht’s.

Am nächsten Tag geht’s an die Weser. In Heimsen spaziere ich zum ersten Mal an den Flussauen entlang. Kurioserweise gibt es in Heimsen ein Heringsfängermuseum, obwohl in der Weser gar keine Heringe schwimmen. Aber zu napoleonischer Zeit sind die Männer wohl von hier nach Holland gezogen, um ihr Geld mit dem Heringsfang in der Nordsee zu verdienen.

Dann kommt das Thema Schlüsselburg in diversen Variationen: Zuerst passiere ich das Rittergut Schlüsselburg mit Hofladen und historischen Landmaschinen, dann laufe ich über das Wehr Schlüsselburg, und schließlich in den Ort Schlüsselburg hinein. Ich logiere im Alten Pfarrhaus und von meinem Zimmerfenster aus kann ich sogar die Störche im Nest auf dem Gutshaus sehen!

Aber auch sonst ist der Ort ein Knaller. Viele alte Backstein- und Fachwerkhäuser, die liebevoll instand gehalten und bewohnt werden. Und dann natürlich das historische Scheunenviertel; eine Ansammlung alter Hofscheunen, die scheinbar wahllos auf einem kleinen Fleckchen außerhalb des Dorfes stehen. Natürlich hat das einen Grund: Aus Platzmangel im Ort und vermutlich auch Überschwemmungs- und Brandgefahrt wurden sie ausgelagert. Doch auch heute noch sind sie in ihrem Ursprung erhalten – echt sehenswert!

Am nächsten Tag nehme ich Kurs auf Minden, dem Endpunkt des Sigwardswegs. Allerdings verlasse ich zu großen Teilen den Originalweg – bei unbeschattetem Gelände und über 30 Grad lässt die Pilgermotivation arg nach. So kürze ich schon gleich morgens über den Weserdamm ab, schenke mir die eine oder andere Kirche, und nehme den direktesten Weg nach Petershagen. Dennoch erlebe ich die Weserauen in Gänze. Sie dienen heute zu großen Teilen als Vogelschutzgebiet, was an besonderen Beobachtungspunkten zugänglich gemacht wird.

Doch das Oberziel heute heißt ankommen – darum verweile ich nirgendwo allzu lange. Eine ausgiebige Rast gönne ich mir erst in Petershagen um die Mittagszeit. Im Biergarten vom „Alten Amtsgericht“ genehmige ich mir ein kühles Getränk und lasse mir die Zellen des ehemaligen Gefängnistrakts zeigen, in denen man heute übernachten kann. Stichwort: Rast im Knast. Auch begutachte ich zum letzten Mal ein Storchennest. Abschied vom Storchenland. Danach nehme ich den Bus nach Minden.

Fazit nach dem Pilgern auf dem Sigwardsweg:

Wieder habe ich ein paar „Perlen“ meiner Heimat entdeckt: die Sigwardskirche, Bad Rehberg, Loccum, Schlüsselburg. Und ich nehme das Wasser mit, die Weite und die Auen.

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