Pilgern in den Alpen

Pilgern

Ich war unterwegs … auf dem österreichischen Jakobsweg. „Spirituelles Wandern von Landeck nach Einsiedeln“ – so könnte man das Ganze auch nennen. Eine rund 200 Kilometer lange Tour durch Österreich, Liechtenstein und die Schweiz, die es in sich hat. Auf mich warten etliche Höhenmeter in Form von Auf- und Abstiegen, Pässen und Tälern.

Los geht’s in Landeck. Kein bekannter Pilgerort; hier trifft man eher Bergwanderer, die auf dem E5 gerade die Alpenüberquerung (Oberstdorf – Meran) hinter sich gebracht haben. Doch durch Landeck führt auch der Pilgerweg Tirol, der aus Innsbruck kommt.

Von Landeck aus geht’s erst mal ziemlich bergauf, was jedoch mit einem fantastischen Blick auf die Stadt am Inn belohnt wird.

 

Der Weg führt weiter über Stanz, dem Schnapsbrennerdorf Tirols, das bekannt ist für die „Stanzer Zuckerpflaume“.

 

In Grins lockt nicht nur eine Kneipp-Anlage, sondern das Dorf wartet auch mit einer richtig alten römischen Brücke auf. Hier treffe ich meine erste Mitpilgerin; eine Deutsche, die von Innsbruck nach Feldkirch läuft. Aber in der Regel pilgern hier die Österreicher.

Nach der Lärchkapelle geht es über die Dörfer (mit einem Herz für Enten) und an der Rosanna entlang nach Pettneu. Dort übernachte ich auf einem 4-Sterne-Campingplatz und beziehe ein kleines Kämmerchen neben der Spülküche, d. h. ich kann bis abends um 10 live mitverfolgen, wer wann mit Abendessen fertig ist.

Am nächsten Morgen bleibe ich der Rosanna treu, bevor es heute über St. Anton den Arlbergpass hinaufgeht, der höchste Punkt des Jakobswegs. 720 Höhenmeter verspricht der Pilgerführer; darum gehe ich extra schon um 6 Uhr morgens los, um nicht in der größten Hitze hinaufsteigen zu müssen. Noch mal kurz Luft holen an der Stiegenegg-Kapelle, dann geht es stetig bergauf, vorbei an vielen Arlen (Latschenkiefern, wie mir der Naturlernpfad verrät, und Namensgeber des Berges), bis ich endlich die Passhöhe erklimme. Die Belohnung für das Ganze: Eine ausgiebige Pause am idyllischen Maiensee.

Danach geht es nur noch bergab. Das allerdings ein paar Stunden lang, denn jetzt am Mittag habe ich gerade mal die Hälfte meines Tagespensums hinter mir. Eigentlich würde ich jetzt schon gerne alle viere von mir strecken, aber Aufgeben gilt nicht und Busfahren nur im Notfall. Darum versuche ich mich mit einem Espresso in St. Christoph moralisch wieder aufzurichten und trabe weiter. Durch sumpfige Wiesen, am reißenden Rauzbach entlang, nehme das Kneippangebot von Stuben wahr und lande endlich, nach 11 Stunden Laufen, in meinem Quartier in Danöfen, einem alten, liebevoll restaurierten Berghof. Selten habe ich mich so sehr auf mein Bett gefreut!

Trotz vergangener Strapazen starte ich auch am nächsten Tag früh – meist ist um die Uhrzeit noch niemand auf den Wanderwegen unterwegs. Aber wie schon so oft bewahrheitet sich auch hier der alte Spruch: You’ll never walk alone!!!

 

Ich passiere die Station Wald; hier führt die Trasse der früheren Alrbergbahn von Bludenz nach Innsbruck entlang.

 

Im Ort Wald selbst kommt mir ein Bauer mit Milchkanne entgegen und rät mir, den weiter hinten kreuzenden Bach lieber nicht zu überqueren. Mit meinen Schuhen … Aber ich könne ja selbst mal gucken. Das tue ich auch und Minuten später stehe ich vor dem Radonatobel (Bach) und wäge ab. Vielleicht käme ich sogar durch; wie einer der – laut Führer – wildesten und gefährlichsten Gebirgsflüsse Österreichs sieht mir das hier nicht aus. Aber ich hätte definitiv nasse Füße hinterher. Und das finde ich suboptimal, zumal der Großteil des Tages noch vor mir liegt. Also laufe ich stattdessen Straße.

 

In Dalaas gibt es sogar eine Pilgerherberge – ich treffe den Hospitalero, als er gerade die Hühner rauslässt. Doch, doch, ab und zu kämen schon Pilger vorbei, meint er. Natürlich würde er nicht alle sehen, aber so drei bis vier am Tag seien es schon. Das erstaunt mich ein wenig, denn außer meiner deutschen Mitstreiterin habe ich noch niemand gesehen. Aber kann ja noch kommen …

 

Die Attraktion am Weg ist der Fallbach, einer der höchsten Kaskadenfälle Europas, der sich aus 1.430 Metern auf 820 Meter in die Tiefe stürzt. Ein Naturdenkmal, dass ich noch lange von allen Seiten bewundern kann.

 

Manchmal fühlt man sich schon ein- bzw. ausgesperrt als Jakobspilger, doch dann kann man auch wieder grenzenlose Wiesenfreiheit genießen.

 

 

In Bludenz lockt die lila Kuh. Hier produziert Suchard die gute Alpenmilchschokolade, die man in einem Erlebnisshop neben diversen anderen lila Produkten erwerben kann.

Am nächsten Tag geht’s weiter auf dem sonnigen Walgauweg von Bludenz nach Feldkirch, die letzte Etappe in Österreich. Immer wieder führt der Weg mit Blick in den Walgau durch malerische Kulissen, die an Sommerfrische erinnern.

Doch! Die Österreicher rücken dann und wann einen Pilgerstempel raus. Wenn auch manchmal an ungewohnter Stelle. Aber an einem Sonntag in Nüziders ist eine Zahnarztpraxis nicht der richtige Ort, um sein Stempelheft vollzukriegen. Dafür gibt’s einen zur Selbstbedienung in St. Stephan. Das funktioniert immer!

Auch die Walser sind gepilgert. Damals. Von der Schweiz nach Österreich. Früher oder später mussten jedoch auch sie ihr Leben lassen. Das, was von ihnen übrig blieb, kann man heute noch an der Martinskirche in Ludesch besichtigen – in einem Beinhaus. Mit Gruselfaktor!

 

Beruhigend dagegen wirkt meine Unterkunft an diesem Tag: Ich übernachte im buddhistischen Kloster in Feldkirch in einer mongolischen Jurte.

Am nächsten Tag geht es aus Feldkirch mit seinen idyllischen Laubengängen, schönen Häuserfassaden und dem Dom St. Nicolaus (eine der besterhaltenen mittelalterlichen Städte Österreichs) an der Ill entlang über den Schellenberg. Man läuft nach St. Corneli mit der 1000-jährigen Eibe, dem ältesten Baum Vorarlbergs. Dann gibt es noch mal Alpenpanorama satt, bevor es über die Grenze geht.

Auch als Wanderer darf man hier anscheinend nicht ganz unbedarft außer Landes gehen; ansonsten ist der Grenzübergang aber recht unspektakulär: Er teilt den Wanderweg einfach in zwei Teile: rechts Liechtenstein, links Österreich.

Auf dem historischen Höhenweg laufe ich dann durch Liechtenstein nach Bendern – immer wieder mit schönen Ausblicken ins Land.

Ein paar Stunden später erklimme ich den Kirchhügel in Bendern und werfe einen Blick in die Kirche. Eine Wohltat nach all den überladenen, barocken Kapellen in Österreich. Doch das war’s auch schon mit Liechtenstein. Über den Rhein geht’s in die Schweiz.

Wildhaus lautet heute mein Etappenziel. Bekannt als Mittelpunkt der Klangwelt Toggenburg und wegen der sieben Churfirsten. Doch bis dahin sind es noch ein paar Meter, vor allem in die Höhe! Hat man’s erst mal geschafft, kann man genießen: Den Blick von oben, das beeindruckende Alpenmassiv und den Bergblick vom Hotelzimmer aus.

Am nächsten Tag regnet es. Zum ersten Mal muss ich den Poncho zücken. Aber das tut dem idyllischen Weg an der Thur entlang (Fliegenfischen inklusive) keinen Abbruch, zumal am späten Vormittag wieder die Sonne brennt.

Etappenziel heute ist Wattwil, wo ich in der Fazenda da Esperanza übernachte. Die Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, süchtige Jugendliche wieder in ein normales Leben zu integrieren, residiert im ehemaligen Kapuzinerinnen-Kloster „Maria der Engel“ über der Stadt.

 

Am nächsten Tag geht’s weiter Richtung Rapperswil. Die vorletzte Etappe, die an Traumkulissen kaum zu überbieten ist. Nach Alpenpanorama satt kommt um die Mittagszeit der Zürichsee in Sicht.

Doch bis ich dann wirklich da bin, am Zürichsee, dauert’s noch eine Weile. Der Weg zieht sich in der Sommerhitze, sodass ich noch mal Rast mache bei der Kirche St. Gallenkappel. Eine von vielen der Kirchen am Weg, die mir einfach zu opulent sind. Aber wenigstens gibt’s bei dieser hier einen ordentlichen Stempel.

In Neuhaus dann teilt sich der Jakobsweg. Man kann oben rum gehen und auf direktem Weg nach Rapperswil laufen, unten rum, über Schmerikon nach Einsiedeln, oder aber nach Schmerikon und dann westlich am See entlang bis Rapperswil laufen. Fatalerweise entscheide ich mich für die letze Variante in der Hoffnung auf ein ansprechendes Seeufer mit Uferpromenade und netten Strandcafés. In Schmerikon sieht’s auch noch ganz vielversprechend aus, aber anschließend ist der größte Teil des Ufers entweder zugebaut oder der Weg so weit vom Ufer entfernt, dass man vom See gar nichts mehr mitkriegt. Zudem läuft man direkt an der Bahnstrecke entlang.

Doch irgendwann am späten Nachmittag treffe ich dann in der malerischen Altstadt von Rapperswil ein. Hier gibt es nicht nur eine tolle Pilgerherberge und einen wunderschönen Rosengarten im Kapuzinerkloster; vom Schlossberg aus hat man auch einen fantastischen Blick auf den Zürichsee.

Die letzte Etappe ruft! Zwar sind es nur ca. 20 Kilometer, aber die haben es in sich. Zuerst ist der Weg moderat – es geht über den eigens für Pilger eingerichteten Holzsteg nach Pfäffikon. Dann heißt es wieder einmal, einen Pass überwinden – den Etzelpass dieses Mal. Vom Weg nach oben hat man noch mal einen tollen Blick auf Rapperswil und den See.

Und endlich, am frühen Nachmittag ist es dann so weit: Der Sihlsee und das beeindruckende Kloster Einsiedeln kommen ins Blickfeld. Ich kann es gar nicht fassen, so unwirklich wirkt das Ganze. Nach acht Tagen größter Anstrengung bin ich tatsächlich angekommen!

Die Klosterkirche haut mich um. Welch prächtige Ausstattung! Auch die Dimensionen des Klosters beeindrucken mich, der Marstall mit den Cavalli della Madonna und die schwarze Madonna selbst.

Ich fühle mich reich beschenkt und sehr dankbar, dass ich die Pilgerreise ohne größere Blessuren überstanden habe und dass ich das alles erleben durfte!

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2 Kommentare

  1. Martina

    Hallo Dagmar,
    schade, dass wir dich in Einsiedeln nicht mehr getroffen haben.
    Aber da war es ja auch gar nicht so leicht, sich zufällig zu treffen.
    Wir haben noch recht lang in Rappertswil herumgetrödelt, deshalb
    sind wir erst ziemlich spät am Kloster angekommen.
    Für deine weiteren Pilgerungen wünsche ich dir viel Spaß und
    alles Gute!
    Herzliche Grüße
    von Martina und Rolf (aus Baden-Württemberg)

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    • ... fussgaengerin ...

      Hallo Martina,
      ja schade. Aber ich habe in Einsiedeln auch noch einige Zeit bei dem Mönch verbracht, bei dem ich übernachtet habe. War auch ’ne Erfahrung ;-).
      Als ich zu Hause war und meine Fotos runtergeladen habe, musste ich noch mal an eure minimalistische Herausforderung mit 10 Fotos am Tag denken. Ich hatte über 1000!
      Hoffe, ihr seid auch gut zurück und grüße nach Stuttgart.
      Dagmar

      Antworten

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