Pilgern in Luxemburg

Pilgern

Ich war unterwegs … auf dem Jakobsweg in Luxemburg. Nicht die populärste Pilgerdestination; nichtsdestotrotz eine spannende Erfahrung in einem Grenzland par excellence! Der luxemburgische Jakobsweg zieht sich auf ca. 170 km (die Angaben variieren) von dem Fluss Our im Norden über Vianden, Echternach, Luxemburg Stadt und Düdelingen bis nach Schengen an der deutsch-luxemburgischen Grenze im Süden. Die Strecke ist größtenteils straßenlastig; darum spare ich mir einige Etappen.

Los geht’s in Echternach bzw. Echternachbrück – das Pendant auf der deutschen Seite. Von dort aus muss man nur kurz über die Brücke – schon wähnt man sich in einer anderen Welt. Statt einer schnöden Bäckerei stößt man auf eine pâtisserie, die außerdem Genüsse mit Schokoladen- , Eis- und Pralinenspezialitäten verspricht.

In Echternach wartet auch die Grabkirche des Heiligen Willibrord, der im siebten bzw. achten Jahrhundert im großen Stil missionarisch unterwegs war und die Abtei Echternach gegründet hat. Ansonsten ist die kleine Stadt an der Sauer ein entzückender Ort mit gemütlichem Flair.

Eine schon in die Jahre gekommene Pilgertafel gibt einen groben Überblick über die Etappen und das Tagespensum: die Highlights sind überschaubar. Erst einmal folgt der Weg dem Müllerthal Trail, einem bekannten Wanderweg durch die sogenannte luxemburgische Schweiz. Doch nach dem Wald läuft man Straße – zum Glück mit vielen satten Kornfeldern am Weg und dem Highlight „Jakobsberg“ mit schöner Aussicht und seltenen Obstbäumen.

Auf endlosen Landstraßen durchquert man Dörfer, in denen keine Menschenseele zu sehen ist; Kneipe und Kirche sind geschlossen. Einzig der Ausblick in die umliegende Landschaft entschädigt, und die erste Erfrischung in Manternach: ein frisches Glas Apfelsaft zum Selberzapfen!

Ich mogele, ich gebe es zu. Mein erstes Etappenziel wäre heute Grevenmacher an der Mosel. Doch hier war kein günstiges Quartier zu bekommen, darum habe ich mich entschieden, die nächste Etappe zu überspringen und gleich nach Luxemburg weiter zu fahren. Grevenmacher an sich ist eine nette Moselstadt mit Schleuse, altem Wachturm und diversen Sehenswürdigkeiten. Aber nach 7 Stunden pilgern in sengender Sonne bin ich zugegebenermaßen nicht mehr ganz so begierig auf das Touri-Besichtigungsprogramm. So reicht es nur für einen kurzen Abstecher in die Kirche und einen Gang durch die Fußgängerzone, wo ich mich an der Moselbrücke in einem Café niederlasse und von dort aus dem deutsch-luxemburgischen Grenzverkehr beobachte. Dann geht es mit dem Bus nach Luxemburg.

Die Stadt ist der Hammer. Nicht nur die Festungsanlage (Luxemburg galt früher als das „Gibraltar Europas“), das Viadukt und der großherzögliche Palast sind beeindruckend, auch die zwei Ebenen von Ober- und Unterstadt mit den Talflüssen Pétrusse und Alzette bieten immer wieder reizvolle Ein- und Anblicke. In der malerischen Altstadt stoße ich das erste Mal auf den Wahlspruch der Luxemburger „Wir wollen bleiben, was wir sind“ aus dem Jahr der Luxemburgkrise 1867, als das Großherzogtum an Napoleon III. verkauft werden sollte.

Am nächsten Tag geht’s dann raus aus der Stadt, auf Bürgersteigen durch endlose Vororte. Trotzdem hat man das Gefühl, naturnah unterwegs zu sein, wenn auch ständig in Hörweite der Autobahn.

Abwechslung bietet die Strecke im Wald, mit Fitnessparcours und endlich mal ein paar Leuten, die dort spazieren gehen oder joggen. Auch eine Hütte mit einer Horde Jugendlicher auf Mountainbikes durchbricht das etwas monotone Vor-sich-hintrotten. Nach dem Wald habe ich das Gefühl, vor eine Hitzewand zu laufen – das Thermometer zeigt annähernd 30 Grad – auf der staubigen Landstraße begleiten mich nur ein paar nimmermüde Ameisen und ein paar Kampfkühe stellen sich in Position.

Ein offenes Café! Im nächsten Dorf, in Hudange, kann ich tatsächlich in der Dorfkneipe einkehren und einen Kaffee trinken. Ein netter Luxemburger Herr mit Hut und Karohemd spendiert ihn mir sogar. Von hier aus sind es auch nur noch ein paar Kilometer bis nach Dudelange, meinem heutigen Etappenziel, aber die haben es in sich. Es geht an einer Kreisstraße entlang neben der Leitplanke, und ich muss gefährliche Strecken mit ungeahnten Gefahren passieren ;-). Letztendlich komme ich dann aber doch unbeschadet auf dem Rastplatz in Buderberg an, den die Stadt Dudelange eigens für Jakobspilger eingerichtet hat. Wie kommt man auf die Idee, so frage ich mich, einen derart pompösen Platz für Pilger zu gestalten, wenn hier niemand läuft? Aber vielleicht bin ich ja über die lokale Pilgerkultur nicht im Bilde. Immerhin gibt es ja einen Freundeskreis der luxemburgischen Jakobusfreunde.

Dudelange ist ein quirliges kleines Industriestädtchen mit einem großen Springbrunnen und öffentlichem Klavier. Außerdem gibt es eine Kirche, ein aufgepepptes Logo und mehrere nette Kneipen. Und … eigentlich noch die Ruinen der Burg Johannisberg. Aber für die reicht auch heute Abend meine Energie nicht mehr. Nach einem langen Pilgertag mit viel Sonne und viel Asphalt schaffe ich gerade noch das Nötigste: duschen, einkaufen, essen, Tagebuch schreiben. Danach bin ich einfach nur noch froh, wenn ich mich nicht mehr bewegen muss.

Meine letzte Etappe verspricht etwas mehr Abwechslung am Wegrand. Heute soll’s bis nach Schengen (bzw. Perl auf deutscher Seite) gehen. Das sind laut Karte 35 km – darum bin ich schon um 6 Uhr morgens unterwegs. Der Weg mäandert an der französischen Grenze entlang, vorbei an der „Véierhäremaark“ (Vierherrenmark, weil hier vier feudale Herrschaftsgebiete aufeinanderstießen), der Replik eines 1.200 Jahre alten Sandsteins aus der Römerzeit. Weiter nach Hellange – auch hier hat man was Altes gefunden: Eine Reitermaske als Grabbeigabe. Von Hellange aus passiert man den Aleweiher, und dann immer wiederkehrende Variationen von Landstraßen, Kühen und Strohballen. Die AKWs auf französischer Seite sind da schon fast eine Sehenswürdigkeit.

In Altwies dann wird’s etwas blumiger, und der weitere Weg nach Bad Mondorf führt wildromantisch zwischen Burgmauern hindurch und an einer kleinen Kapelle mit müdem Wetterhahn entlang. Der Charme von Bad Mondorf oder: Mondorf-les-Bains (klingt besser) erschließt sich mir nicht ganz. Es ist ein bekannter Thermal-Kurort, aber außer der Statue von John Grün, einem Sohn der Stadt und im 19. Jahrhundert stärkster Mann der Welt, einem Casino (dem einzigen Luxemburgs übrigens) und einer relativ nichtssagenden Innenstadt kann ich hier nichts Bemerkenswertes entdecken. Vielleicht schaue ich aber auch nicht in den richtigen Ecken? Oder es ist meine Müdigkeit, die mir mittlerweile am frühen Nachmittag doch etwas zu schaffen macht. Da der restliche Pilgerweg bis nach Schengen zumal nur auf Straßen verläuft, beschließe ich, auch diese letzte Strecke mit dem Bus zurückzulegen.

In Schengen wurde die Grenzenlosigkeit Europas beschlossen, und dafür hat sich das kleine Dorf im Dreiländereck Luxemburg-Deutschland-Frankreich ein großes Museum gegönnt sowie eine futuristisch anmutende Touristeninformation. Hier kann man tonnenweise Souvenirs mit Schengen-Logo drauf kaufen. Außerdem – so werde ich gewahr – kann man hier auch grenzenlos wandern. Rund um Schengen, Perl und Sierck-les-Bains werden interessante Wandererlebnisse versprechen, ohne dass man die Ländergrenzen wahrnimmt. Um das Ganze noch zu toppen, profiliert sich das Saarland – jenseits der Moselbrücke – auch noch als Top Trail-Gebiet mit den zertifizierten Wanderwegen Saar-Hunsrück-Steig und Moselsteig. Doch mein Pilgerglück liegt jetzt nicht darin, noch weiter zu laufen, sondern mein Quartier in Perl aufzusuchen. Als ich im Ort eintreffe, ist meine Zimmerwirtin bass erstaunt, dass ich durch Luxemburg gepilgert bin. Normalerweise, so sagt sie, beherberge sie  immer Pilger, die die Strecke Trier-Metz absolvieren. Ich bin ein wenig stolz – ich bin eine Pionierin! 😉

 

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