Pilgertagebuch camino del norte

Pilgern

Die erste Etappe von Bilbao nach Portugalete ist geschafft. Der Weg geht am Fluss entlang, ist aber wenig attraktiv, da man hauptsächlich Industrieruinen besichtigt. Auch das Wetter lässt zu wünschen übrig, aber es kann ja nur besser werden!

Die erste Woche ist rum. Nach den Erfahrungen mit Massenlagern und einem harten Tag leiste ich mir mal eine Pension mit Internet. 🙂

Aber von vorne: Von Portugalete aus ging es weiter an der Küste entlang bis nach Castro Urdiales. Eigentlich ganz schön, bis ich abends in der Pilgerunterkunft ankomme: ein kommunaler Schlafsaal – eng und stickig, mit einem hospitalero mit Alkoholproblem und Biervorrat unterm Bett. Dort hat sich eigentlich schon meine Pilgerfamilie versammelt nur weiß ich das noch nicht. Ich habe sie schon in Portugalete getroffen, dort war ich aber davon ausgegangen, dass man jeden Tag andere Leute trifft; darum hatte ich mich nicht näher um Kontakt bemüht. Aber hier, in Castro, stoße ich wieder auf zwei Spanier und zwei junge Deutsche. Aber erst mal habe ich nach einer unsäglichen Nacht mit den klassischen Pilger-Schauergeschichten (Schnarchen, Gestank, Sprechen im Schlaf, raschelnde Tüten morgens um 6) die Schnauze voll von Leuten und fliehe allein weiter. Die anderen wollen Abkürzungen nehmen; ich laufe bewusst antizyklisch, d.h. langsamer, um den nervigen Bettgenossen zu entgehen. Was zur Folge hat, dass ich in der nächsten Herberge alleine bin – auch ein komisches Gefühl in einem spanischen Dorf im Gemeindezentrum, nebenan die wöchentliche Pilatesgruppe. Aber ich habe es ja so gewollt! 😉

Dann am nächsten Tag mache ich die Strecke, die die anderen schon hinter sich haben und will eigentlich mit einem Boot über die Bucht. Was noch nicht fährt. Da die Touristensaison noch nicht angefangen hat. Eine Frau gabelt mich auf und rät mir, den Bus statt Boot zu nehmen. Als ich an der Haltestelle ankomme, stehen dort vor dem Bus just jene Leute an, die ich schon weit vor mir glaubte: Meine beiden Spanier und die deutschen Jungs (mittlerweile sind’s drei).

Auch sie sind auf dem Weg nach Santona. Ich gebe mich geschlagen: Das Schicksal will anscheinend, dass ich mit diesen Leuten laufe. Die Jungs seilen sich schnell ab, aber die nächsten Tage werde ich mit Ana und David verbringen, Geschwister aus Südspanien. Wir genießen den Strand von Noja, staunen über die Pilgerherberge in Guemes (ein ganzes Anwesen, auf dem sich ein Pater verwirklicht), und verbringen gemeinsam eine Nacht in der – so sagt der Führer – authentischsten Herberge auf dem Weg.

Das alles bei sensationellem Wetter – das Thermometer klettert auf 25 Grad. Ich habe die Sonnencreme immer griffbereit und spiele mit dem Gedanken, den ganzen überflüssigen Winterkrempel postlagernd nach Santiago zu schicken.

Doch der Tag heute belehrt mich eines besseren: Wind, Regen und Hagel und das alles bei einem Temperatursturz von rund 15 Grad. Jetzt zeigt sich, wer die bessere Regenausrüstung hat: Ich zücke meine Regenjacke und -hose, Ana und David warten mit langen Ponchos auf. Was sich als unzureichend erweist. Nach zwei Stunden sind die beiden vom Poncho abwärts komplett durchnässt, können Socken und Hosen auswringen. Ich hingegen fühle mich einigermaßen trocken, wenn auch leicht feucht. Trotzdem ist der Tag ein Desaster. Immer wieder Schauer, immer wieder Regen und Wind von allen Seiten – selten war ich so froh, irgendwo anzukommen.

Aber auch das, denke ich, gehört dazu. Der Weg eben.

Und sonst? Ich hatte mir ihn anders vorgestellt, den Weg. Aber dieser hier ist unglaublich asphaltlastig. Ich laufe fast den ganzen Tag nur Straße. Zwar gibt es auch schöne Abschnitte am Strand, traumhafte Blicke, malerische Dörfer und schöne grüne Wiesen und Felder, aber dies ist definitiv kein Top-Wanderweg!

Auch die Massenunterkünfte sind nichts für mich – das weiss ich spätestens seit gestern, als wir in der örtlichen Herberge in Santillana, dem spanischen Rothenburg ob der Tauber, übernachtet haben. Also werde ich versuchen, Alternativen zu finden, private Herbergen zum Beispiel.

Mitpilger? Außer meiner „Pilgerfamilie“ habe ich bis jetzt Engländer und eine Holländerin getroffen und andere Spanier. Aber so schrecklich viele Leute sind auch noch nicht unterwegs; ein Barbesitzer meinte, täglich würden so 20 bis 30 bei im vorbeilaufen. Von denen trifft man dann vielleicht 10 bis 15 im Laufe des Weges; je nachdem, wie groß man selbst die Etappen gestaltet.

Malässen? Wechselt. Zu Anfang tat die Hüfte weh, dann der rechte Fuß, der linke; im Moment ist es das linke Bein. Aber eigentlich geht das Laufen ganz gut, obwohl der Rucksack eigentlich zu schwer ist :(.

Moral: So weit ok. Aber dadurch, dass ich die letzten Tage in Gesellschaft verbracht habe, bin ich auch gar nicht viel zum Nachdenken gekommen. Heute habe ich mich dann ausgeklinkt, mal schauen, wie es weiter geht.

So, nun ist auch die zweite Woche geschafft. Das Wetter hat sich wieder stabilisiert; zum Teil war es wieder richtig warm – bis zu 23 Grad – generell hat es sich aber wieder um die 15 Grad eingependelt. Bedeckt, aber trocken.
Die Woche ist unheimlich schnell vergangen. Zwar läuft man nur den ganzen Tag, aber trotzdem hat man so viele Eindrücke, dass man oft schon nicht mehr weiß, wo man am Vortag gewesen ist.
Nach Comillas – der Pension mit dem Schlechtwettertag – bin ich allein gegangen, dachte ich zumindest. Doch der camino bescherte mir einen ehemaligen deutschen Manager, mit dem ich ein Stück gelaufen bin. Er kannte sich aus: Er wusste, wie man läuft, wieviel man am besten trinkt und wann man essen muss. Außerdem wohnte er in Madrid, hatte eine spanische Frau, hat dann das eine Hinweisschild mal eben für mich übersetzt, und überhaupt, … Ich fand ihn ein wenig anstrengend, aber bin dann doch mit ihm weiter gegangen, da ich es immer noch verlockender finde, mit jemand zusammen in eine Bar zu gehen also diese alleine zu betreten, wenn alle Männer von der Theke rüber glotzen. Also haben wir einen Kaffee zusammen getrunken, eine racion (kleine Mahlzeit) zusammen gegessen und sind dann gemeinsam weiter gezogen. Durch San Vicente de la Barquera, das nicht nur eine alte Brücke, sondern auch ein wunderbares Flussdelta besitzt. Hier habe ich auch meinen ersten Blick auf die Picos de Europa erhascht, Berggipfel, die angeblich als erstes von Europa zu sehen waren, als die Schiffe vom Atlantik rüber kamen.
Wir haben uns dann doch noch ganz gut verstanden, der Manager und ich; oft hilft es, wenn man gar nicht erst versucht, zu gewinnen! Trotzdem haben wir uns in Serdio getrennt, wo ich auf den Rest meiner Truppe warten wollte. Ursprünglich wollte ich hier wieder in einer Pension übernachten, aber die Herbergslage scheint sich entspannt zu haben: Mittlerweile läuft der größere Schwung an Pilgern vor uns, sodass wir alleine sind in der Herberge; da kann man sich trotz Gruppenschlafsaal doch ein wenig entspannten.
Wir laufen jetzt zu viert (die beiden deutschen Jungs sind mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke geblieben), und das wird auch in dieser Woche so bleiben. Wir laufen nicht nur, wir klettern auch. Wir entdecken einen spektakulären Küstenweg, eine ehemalige Filmkulisse. Sowieso sehen wir oft das Meer, kleine Strände und Buchten. Traumhafte Blicke, die den Küstenweg so einzigartig machen.
Danach landen wir in einer privaten Herberge, wo der hospitalero alles im Griff hat. Er kontrolliert nicht nur, ob wir das Bad sauber verlassen haben, sondern schaut auch kurz vor dem Schlafengehen noch mal, ob wir auch alle im Bett liegen.

Hier sammeln wir Luis auf, einen älteren Mexikaner, der allein unterwegs ist. Die nächsten Tage werden wir ihn immer mal wieder treffen. Zum Beispiel in der Herberge in Celorio, wo die anderen alles waschen, dann aber aufgrund des defekten Trockners am nächsten Morgen mit Bergen von nasser Wäsche da stehen :(. Vor dem Weiterlaufen werden dann noch schnell die Socken in der Mikrowelle getrocknet ;). Zum Glück aber ist das nächste Hotel mit Wäschedienst nicht weit.
Die Etappen werden länger. Bin ich in der ersten Woche 15 bis 20 km gelaufen, sind es jetzt oft 25 bis 30. Was zum einen daran liegt, dass man so weit laufen muss, bis man die nächste Unterkunft erreicht, zum anderen aber auch daran, dass meine spanischen Mitpilger ein enges Zeitbudget haben und unbedingt am 1. April in Santiago sein wollen. Konditionsmäßig kriege ich das mittlerweile ganz gut hin, aber der Spaß beim Laufen bleibt etwas auf der Strecke. Es ist schon nett, zusammen einzukehren: morgens für ein Frühstück mit cafe con leche und tostada, mittags für ein Bier und ein pincho (kleiner Snack), aber wenn man manchmal erst um 6 in der Herberge ankommt, dann noch duscht, wäscht, kocht, wird das Ganze etwas stressig. Trotzdem mag ich mich im Moment nicht von der Gruppe trennen. Es hat eben doch viele Vorteile, wenn man gemeinsam läuft: Man kann sich gegenseitig bei der Wegfindung unterstützen (die Pfeile und Muscheln lassen hier nämlich zum Teil zu wünschen übrig), man kann alleine laufen, sich aber auch unterhalten. So gehe ich denn zum Teil auch weiter als ich es alleine tun würde; ich bin mittlerweile etwas erschöpft. Und je nach Herberge (Grad der Sauberkeit, Heizung?, Platz), kann man eben mal mehr, mal weniger gut entspannen.
Der Weg an sich hat sich mittlerweile sehr verbessert: Sind wir in der letzten Woche fast nur Straße gelaufen, gehen wir jetzt oft Schotterpisten und haben schöne Blicke. Das macht das Gehen angenehmer. Und doch gibt es natürlich auch Tage, wo einen die Straße wieder einholt. Wenn man sich verläuft zum Beispiel 🙁 oder wenn man dann die Landstraße wählt, die meistens eine Abkürzung darstellt. Die ist unter Umständen dann doch der Weg der Wahl, wenn die Kräfte nicht mehr reichen. Und manchmal … muss es die ganz große Abkürzung sein, die mit dem Bus. Den leisten Felix und ich uns nach Gijon, nachdem wir einen unsagbaren Berg mit 400 Höhenmetern erklommen haben. Nicht nur das: Auch ein Hotel mit Bettwäsche und Handtüchern! Essen in einem Restaurant, Privatsphäre in einem eigenen Zimmer; das ist ungewohnter Luxus, aber seeehr schön mal zur Abwechslung :))).
Ja, und sonst? Unsere deutsch-spanische Pilgergruppe ist mittlerweile zusammen gewachsen, obwohl jederzeit die Option besteht, alleine zu gehen. Felix wird das vielleicht auch jetzt tun, da eine Freundin von ihm kommt, die auch laufen will, aber nicht trainiert ist. Die Konstellation wird sich also auf jeden Fall ändern.
Ab und zu trifft man auch andere Pilger, doch zusammen gehen ist nie Thema. Jede folgt seinem Rhythmus; die Jungs gehen teilweise Etappen bis zu 50 km. So sind die Leute, die man am Weg und in den Herbergen trifft, eher Streiflichter, die die eigene Gestaltung des Tages nicht beeinflussen.
Das Laufen an sich geht ganz gut. Der Rucksack wächst langsam am Rücken fest; wenn man ohne ihn läuft, hat man das Gefühl, zu schweben! Zwar hat sich noch die eine oder andere Blase zwischen den Zehen eingeschlichen, aber ansonsten bin ich mittlerweile weitgehend schmerzfrei. Auch die Kondition wächst von Tag zu Tag. Also: Gesamtzustand gut! Dennoch weiß ich nicht, ob ich dieses Tempo weiter laufen möchte; vielleicht muss ich doch mal ausscheren und „meinen“ Weg gehen. Die nächste Woche wird’s zeigen.

Wenn ich sage, ich würde jeden Morgen freudig aufspringen und ungeduldig darauf warten, dass es endlich los geht, würde ich lügen. Nein, so ist es nicht. Eher liege ich morgens im Bett und denke: Heute wirst du keinen einzigen Schritt freiwillig laufen. Es sind weniger Schmerzen, sondern eine allgemeine Erschöpfung, die sich langsam bemerkbar macht. Wochenlang laufen ohne Pause – das zehrt. Aber dann steht man doch auf, eiert erst ein bisschen rum und läuft dann seine 25 km. Ich könnte einen Ruhetag gebrauchen, doch gerade als ich den perfekten Ort dafür gefunden habe in San Esteban da Pravia (Vierbettzimmer für mich allein, Heizung, Blick auf den Hafen), verheißt der Wetterbericht just für jenen Tag strahlenden Sonnenschein, für den folgenden hingegen Gewitter und Regen. Tja, schwerwiegende Argumente, die dann doch überzeugen, die Wanderstiefel wieder anzuziehen und den Rucksack zu schultern, wie jeden Morgen.
Und irgendwie geht es dann auch. Wenn man erst mal angefangen hat, vorwärts zu gehen, läuft man sich ein und läuft und läuft und läuft … Diese Woche noch viel am Meer entlang mit spektakulären Küstenpanoramen und entzückenden kleinen Dörfern wie z. B. Cudillero, der angeblich hübscheste Hafenort Asturiens. Dort sitze ich dann mit unserer mittlerweile nur noch dreiköpfigen Pilgercrew in der Sonne in einer Sidreria im Hafen. Obwohl meine beiden Mitstreiter um einige Jahrzehnte jünger sind als ich, funktioniert es ganz gut. Mal laufe ich alleine und wir treffen uns abends in der Herberge, mal laufen wir zusammen. Jeder hat dann doch seinen eigenen Rhythmus.
Ich übernachte weiterhin in den Herbergen, da wir oftmals nur zu dritt oder zu viert sind und somit die Herbergen zeitweise ganz für uns haben. Bei den teilweise riesigen Schlafsälen mit bis zu 48 Betten kommt fast ein Gefühl von Luxus auf – andererseits: die Kälte schlägt erbarmungslos zu. Die Herbergen, die oft von der Stadt betrieben werden, haben zum Teil keine Heizung. Im Sommer mag das gehen, aber der Winter hier in Nordspanien bedeutet nachts nur einstellige Temperaturen. Trotz Decken und Schlafsack bleibt einem manchmal nichts anderes übrig, als alle verfügbaren Kleidungsschichten übereinander zu ziehen, damit man nachts nicht friert. Auch die Temperaturen tagsüber sind nicht mehr ganz so warm wie in der ersten Woche, aber wenn man läuft, ist das kein Problem. Spätestens nach der ersten Steigung ist man wieder durchgeschwitzt.
Problematisch ist eher, wenn es von oben nass wird. In dieser Woche hatten wir das erste Mal seit dem Unwetter Dauerregen – wenn man dann abends in eine Herberge kommt, die nicht geheizt ist und wo die Klamotten nicht trocknen, macht das keinen Spaß.
Die Herbergen kosten oft nur 4, 5 oder 6 Euro – daher lässt sich die teils recht magere Ausstattung auch in Sachen Küche und Sanitäranlagen erklären. Die Hospitaleros oder Hospitaleras sind oft Ehrenamtliche, die abends zum Abkassieren vorbeikommen, einen Stempel in den Pilgerpass setzen, und ansonsten zum Teil am nächsten Tag wieder Ordnung schaffen. Dabei gibt es unterschiedliche Naturen: hilfsbereite, die mit allen möglichen Tipps und Hilfestellungen bezüglich Essen und weiteren Weg aufwarten, aber auch solche, die offensichtlich keinen Bock auf Pilger haben. Teilweise sind die Herbergen offen, teilweise muss man aber auch den Schlüssel in der nächsten Kneipe abholen, beim hospitalero anrufen oder bei der örtlichen Polizei. Es ist immer wieder spannend: Nie weiß man, was einen am Ende des Tages erwartet, ob es eine gute oder eine schlechte Herberge ist, wer dort sein wird und was man dort vorfindet. Das, finde ich, ist das wirkliche Abenteuer der caminos: die Herbergen. Gehen  könnte man rein theoretisch auch woanders. Pilgerwege gibt es in ganz Europa. Doch nicht mit diesem flächendeckenden Netz an Herbergen dieses Genres. Aber natürlich ist jeder Weg anders und auch besonders.
Der Weg in dieser Woche führt meist über Landstraßen, durch viele kleine Dörfer mit vielen bellenden Hunden. Oftmals auch durch Eukalyptuswälder, über schlammige Feld- und morastige Waldwege. Bergauf und bergab. Aber irgendwann auch irgendwie oft gleich. Die Küste ist es, die diesen Weg so besonders macht. Die bekommen wir dann noch mal bei Luarca präsentiert, und zum letzten Mal bei Ribadeo.
Dann haben wir Galizien erreicht und damit auch den Weg ins Landesinnere. Das Ganze ähnelt  einer Alpenlandschaft mit lieblichen Tälern und saftigen Weiden, auf denen Kühe mit Glocke weiden. Nur die Dörfer sehen ein wenig anders aus – oftmals sind Häuser verlassen und verfallen.
Die Nähe zu Santiago wird langsam spürbar: nicht nur haben die Galizier richtige Stelen als Wegweiser investiert, auch trifft man immer öfter auf Informationstafeln des camino del norte, wie der Weg ab hier heißt, seit er die Küste verlassen hat, und es gibt extra Holzpfeiler mit der Aufschrift C S (camino de Santiago).
Eigentlich wollte ich den Weg ja ganz gemütlich gehen, mir Zeit lassen, aber die anderen haben mich mit ihren Kilometer und Etappen zählen angesteckt. Hatte ich erst mit der Idee geliebäugelt, mit Dirk zusammen die letzten Etappen nach Santiago zu laufen, finde ich jetzt die Vorstellung verlockender, mich mit ihm am 2. In Santiago zu treffen, damit wir gemeinsam nach Finisterre (ans Ende der Welt) und weiter an der Küste hoch nach Muxia laufen können. Das bedeutet, dass ich jetzt auch einen Zeitplan habe, der keine kurzen Etappen mehr erlaubt. Aber die Motivation ist groß – außerdem will man jetzt, nach drei Wochen laufen und nachdem man die Küste hinter sich gelassen hat, auch mal ankommen.  Also wird es irgendwie gehen.

Diese Woche wird anders – in jeder Hinsicht. Es fängt damit an, dass ich morgens aufwache, und ich bin nicht mehr erschöpft! Es ist, als hätte sich mein Körper an den Laufmodus gewöhnt und würde mir auch ein großes Tagespensum nicht mehr übel nehmen. Ich kann einfach aufstehen und loslaufen, ohne dass ich mich gross dazu überwinden muss. Läuft …
Zum zweiten habe ich mich jetzt von der Küste verabschiedet und laufe landeinwärts. Was ganz andere Landschaften und Panoramen bedeutet.
Zum dritten habe ich mich von meinen Pilgerkids emanzipiert. Schon von Ribadeo (dem letzten Küstenort) war ich alleine losgelaufen, hatte mich aber abends mit meinen Mitpilgern doch in der nächsten Herberge getroffen. Doch als ich von Vilanova loslaufe, sehe ich sie morgens noch nicht mal mehr und weiß nicht, ob wir uns abends treffen. Das wird eine langsame, einsame Strecke an dem Tag, doch wider Erwarten sind die galizischen Täler ganz schön. Zwar sind die Bäume noch kahl, aber man kann nicht alles haben: Leere Herbergen bedeuten eben auch leere Bäume!
In meiner nächsten Unterkunft (eine Herberge mit einem riesigen Schlafsaal in einem verschlafenen Nest) bin ich dann tatsächlich auch ganz alleine. Fühlt sich etwas komisch an, aber andererseits auch ein Gefühl von Exklusivität. Außerdem herrscht hier durchgehend eine Raumtemperatur von 19,5 Grad – welch ein Geschenk! Das bedeutet, nicht in voller Montur schlafen und keine zwei Decken über den Schlafsack!
Auch der Weg ist wider Erwarten sehr schön – ich laufe viel über mittelalterliche Relikte wie Kopfsteinpflaster, alte Brücken, vorbei an alten Friedhöfen und kleinen Dörfern, in denen das Leben still zu stehen scheint. Sehr archaisch das alles. Aber auch in etwa so, wie ich mir den Jakobsweg erhofft bzw. gewünscht habe. Der einzig größere Ort weit und breit ist Vilalba. Der bringt mich etwas aus dem Konzept, da ich hier tatsächlich ein Zimmer nehmen muss, da die Herberge geschlossen hat. Ein Zimmer in der Pension mit eigenem Bad, Bettwäsche und Handtüchern ist schön, fühlt sich aber irgendwie falsch an. Ich empfinde das Pilgern als weitaus authentischer, wenn ich in den echten Pilgerherbergen schlafe. Auch wenn ich manchmal die Zähne zusammen beißen muss bzw. darauf achten, dass sie nicht allzu laut klappern!
Doch es gibt auch schöne Herbergen, private zumeist. Die haben dann schon etwas mehr Komfort und sind gepflegter. Davon erwische ich eine mitten auf dem Land bei Elena. Sie hat ein altes Bauernhaus zu Pilgercafé und -herberge umgebaut. Sehr stilvoll-rustikal mit alten Steinelementen. Gemütliches Ambiente. Leider garantiert auch das keine angenehme Nachtruhe, denn just als ich schon anfange, mich zu entspannen, trudeln noch zwei laute spanische Radpilger ein, von denen der ältere durchdringend schnarcht. Zum Glück kann ich mittlerweile mit ein paar Handgriffen meine Sachen zusammen packen, sodass ich morgens schnell verdufte. Doch nach ein paar Stunden überholen sie mich natürlich – und machen vor mir bei Roxita Rast, einer kleinen Bar, wo ich ein Sandwich verspeise. Ja, sie habe schon von mir gehört, sagt Roxita. Da seien zwei Radpilger vor mir gewesen, die gesagt hätten, da käme noch ein Mädchen, das sehr viel läuft … Das macht mich natürlich ein wenig stolz. Aber es stimmt. Mein Tagespensum beläuft sich mittlerweile auf 25 – 30 km, wobei ich darauf achte, dass ich mittags schon Zweidrittel der Strecke geschafft habe, denn nachmittags baue ich ab. Zwar kommen mir in diesem Zustand – wenn die Füße weh tun und man nur noch ankommen will, die besten Erkenntnisse, aber lauftechnisch gesehen fühlt es sich an wie ein Martyrium. Doch der Ehrgeiz treibt. Jetzt will ich wirklich spätestens am 2. April in Santiago sein.
So laufe ich denn durch die galizischen Wälder und Felder, über kleine Hügel und Flüsse. Alles ganz wildromantisch. Doch je näher ich Santiago komme, so mein Gefühl, desto unfreundlicher werden die Leute. Komme ich in eine Bar, lächelt mir eigentlich niemand außer dem Wirt zu; die Dorfbevölkerung scheint sich eher in ihrem Alltagsgeschehen gestört zu fühlen. Was ich in gewisser Weise verstehen kann. In dem Kloster, wo ich als nächstes verweile, erzählt mir der Mönch, letztes Jahr im August hätten dort 2.300 Pilger übernachtet. Was den Leuten hier sicherlich Geld bringt, aber Pilger sind Pilger. Hauptsächlich interessiert am Erlebnischarakter des caminos, wie ich bis jetzt festgestellt habe, weniger an Land und Leuten. Viele können nur ein paar Brocken Spanisch, wenn überhaupt. Ich kann mich zum Glück ganz gut verständigen, was mir hin und wieder die Herzen der Landbevölkerung öffnet und mir erlaubt, mit meinen spanischen Mitpilgern in Kontakt zu treten. Mit dem älteren Herrn zum Beispiel, mit dem ich zusammen den Schlafsaal bei den Mönchen teile. Eine wahrhaft eindrückliche Erfahrung, in diesem riesigen mittelalterlichen Gewölbe zu übernachten, nur zwei Pilger und 17 Mönche!
Das sind die Sachen, die hängen bleiben. Genauso wie die Erfahrung, die ich mache, nachdem der camino del norte auf den camino frances mündet, derjenige, der als der eigentliche Jakobsweg bekannt ist. Sogleich sieht man mehr Rücksäcke – das Ganze nimmt ein bisschen den Charakter eines Volkswandertags an. Das mutet zuerst ein wenig komisch an, erweist sich aber im nachhinein als praktisch. Denn so treffe Petra, und kann mit ihr gemeinsam das Unwetter durchleben, das an diesem Tag in Form von anhaltendem Starkregen auf uns herabprasselt. Der dazu führt, dass die Wege sich in Schlammpfade verwandeln, durchsetzt von knöcheltiefen Pfützen, und dass Sturzbäche sich ihren Weg durch die Dörfer bahnen. Erlebt man so was alleine, ärgert man sich. Ist man zu zweit von oben bis unten bis auf die Unterwäsche durchnässt, bekommt das Ganze schon ein bisschen was dramatisch Komisches. Dann ist auch noch die nächste Herberge geschlossen! So nass war ich selbst nach dem Unwetter in der ersten Woche nicht, muss am nächsten Morgen in feuchte Schuhe steigen. Doch das Ganze hat auch was Gutes: Dadurch dass ich weiter gelaufen bin als geplant, kann ich am folgenden Tag in einem Rutsch durchlaufen nach Santiago, kann dort einen Ruhetag einlegen und waschen!!!
Ein ungewohnter Luxus, mal in wirklich saubere Klamotten zu steigen und nicht immer das Gefühl zu haben, man müsse einen Kompromiss machen zwischen stinkender und feuchter Wäsche, die nicht trocken wird.
Tja, Santiago. Nach 4 Wochen bin ich angekommen. Als ich vor der Kathedrale auf dem großen Platz stehe, dort, wo man sich dann hinsetzt und alles auf sich wirken lässt, fühle ich erst mal nichts. Wahrscheinlich bin ich zu kaputt. Starte am nächsten Tag einen neuen Anlauf mit allem, was dazu gehört: Eine compostela abholen (Urkunde, die bezeugt, dass man es tatsächlich geschafft hat), die Pilgermesse besuchen, und Jakobus von hinten an die Schulter fassen. Und da endlich, sackt es. Als ich in der Messe sitze, bin ich tief berührt von der feierlichen Atmosphäre, als ich Jakobus berühre, spüre ich, wie Energieströme mich durchziehen. Jetzt bin ich angekommen.
Und morgen geht es weiter. Mit Dirk. Nach Finisterre, ans Ende der Welt.

Und jetzt wird alles noch mal anders … Mit meiner neuen Pilgerbegleitung steigere ich meinen Komfortlevel deutlich: Habe ich vorher meist in Schlafsälen genächtigt, leisten wir uns jetzt ein Doppelzimmer in der Herberge (oft nebst Bettwäsche und Frotteehandtüchern, mit denen man tatsächlich trocknet und nicht nur wischt – himmlisch!). Habe ich mich bisher meistens im Supermarkt verpflegt und oft nur einen Kaffee in der Bar getrunken, kehren wir jetzt oft morgens, mittags und abends ein, nehmen desayunos mit frischem Orangensaft, bocadillos und massenweise Pilgermenüs zu uns.

Was soll ich sagen? Ich genieße es und weine den Fertigmenüs für die Mikrowelle keine Träne nach.

Auch das Wetter hat sich fundamental gebessert. War es in der letzten Woche oft recht wechselhaft, so beschert uns der gute Jakob auf dem letzten Stück des Pilgerwegs ein stabiles Sonnenhoch mit Temperaturen von über 25 Grad. Von Winterpilgern kann also keine Rede mehr sein.

Auch die Pilgergemeinde hat sich geändert. Seit Santiago treffen wir immer wieder auf dieselben Leute; teils erfahrene camino-Gänger, die dann auch dementsprechende Geschichten zu erzählen haben (vorzugsweise von hoffnungslos überfüllten Herbergen oder unendlich strapaziösen Etappen), teils Novizen, denen man ihre Unerfahrenheit nach ein paar Tagen an den verbundenen Füßen ansieht. Aber es macht Spaß, sich zwischendurch immer mal wieder zu treffen und auszutauschen: Über den Erlebniswert der Wege, über die Herbergen, und über die anderen natürlich …

Ja, und das Gehen zu zweit ist auch noch mal anders: Man muss sich da erst ein bisschen zusammenfinden: Läuft man zusammen, nebeneinander her, hintereinander, mit Reden, ohne? … Es dauert ein paar Tage, bis wir einfach nur laufen, und auch die Pilgerzweisamkeit ein Stück weit Gewohnheit wird.

Der Weg ist – wie schon in allgemeinen Pilgerkreisen verlautete – sehr schön und wie gemacht für die eine Woche, die wir zusammen unterwegs sind. Zwar laufen wir auch hier teilweise Straße, doch in weiten Teilen führt die Strecke durch schöne Eukalyptus- und Pinienwälder. Und wir laufen wieder Richtung Meer! Am dritten Tag haben wir Cee erreicht. Eine Bucht, ein Hafen, tiefblaues Wasser. Und schon am nächsten Tag Fisterra. Hier, so glaubte man früher, sei die Welt zu Ende, was noch heute mit einem 0,00-Kilometerstein belegt ist. Die letzte offizielle Markierung des anerkannten Jakobswegs oben am Leuchtturm auf dem Kap. Ein echter Meilenstein auch pilgertechnisch. Denn wir haben tatsächlich die letzten 3,5 km unsere Rucksäcke dort hochgeschleppt, allein um der Symbolik Genüge zu tun und sich jeden dieser letzten Kilometer auch schwer bepackt erkämpft zu haben! Der Moment jedoch, angekommen zu sein, ist erhebend. Die Stimmung dort oben zauberhaft, fast mystisch. Von hier hat man eine fantastische Rundumsicht und einen unglaublichen Sonnenuntergang, den wir später am Abend von den Felsen aus genießen.

Tja, was kann noch kommen, wenn man schon am Ende der Welt war? Es gibt eine Verlängerung des Weges Richtung Norden. Die begehen wir am nächsten Tag. Muxia lautet das nächste und wirklich allerletzte Ziel. Ein bekannter Wallfahrtsort der Galizier, denn hier soll Jakobus die Mutter Gottes erschienen sein; eine Kirche und ein „Steinsegel“ zeugen noch davon. Dieser letzte Pilgertag wird zur echten Herausforderung, denn mittlerweile sind die Temperaturen auf an die 30 Grad geklettert, und der letzte Anstieg ist steil. Doch irgendwie  kommen wir an, mieten uns in der Luxusherberge ein und machen zu guter Letzt doch noch einen Ruhetag. Mit wiederum genialem Sonnenuntergang am Meer als Abschluss.

Und auch diese Woche hatte wieder was Eigenes, einen besonderen Aspekt: Die Geselligkeit stand mehr im Vordergrund, es sich gut gehen lassen bei all den Strapazen, Erlebnisse teilen.

Und all das gehört zum camino dazu, finde ich: Verschiedenste Erfahrungen, die man im Alltag so nicht machen würde, Leute, mit denen man normalerweise nichts zu tun hätte, Situationen, denen man sich sonst niemals aussetzen würde, über die Grenzen gehen, aber auch Dinge gemeinsam erleben.

Ein erfüllter Weg, ein guter Weg. Ein Weg, den niemand so jemals gegangen ist und niemand so wieder gehen wird. Ein eigener Weg eben.

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1 Kommentar

  1. Bille

    ich wünsche Dir trockenes Wetter, beflügelte Füße und nette Leute auf dem Weg!

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